Form follows function

Ich hasse diesen Satz. Wie es mal ein Journalist ziemlich süffisant beschrieb:

... „form follows function“ philosophy has been misapplied by some of the laziest architects and designers of the 20th century.
Peter Hall, Telegraph.co.uk

Was hat aber die der Funktion folgende Form mit Illustrator CS4 zu tun?

Letzte Woche habe ich das erste Mal die deutsche Illustrator-CS4-Version installiert. Dass das Blob-Tool „Tropfenpinsel“ heißen wird, hatte mir bereits vor Wochen ein Kollege verraten. Überraschung dahin. Aber da bleibt dennoch einiges übrig.

Ich sehe ja ein, dass man als engagierter Übersetzer durchaus mehrere passende deutsche Worte für einen englischen Begriff findet. Aber kann eine akademische Diskussion nicht in akademischen Kreisen stattfinden, anstatt sie auf dem Rücken der Nutzer auszutragen? Wenn Ihr Übersetzer also mehrere Bedeutungen für den Begriff „Edges“ habt, dann einigt Euch bitte trotzdem auf einen einzigen, der dann auch im Menü steht.
Und macht nicht sowas:

Ecken einblenden

Das kann eigentlich nur jemandem passieren, der das Produkt, das er übersetzt, noch nie selbst benutzt hat, denn immerhin finden wir dieses Juwel der Software-Übersetzung bereits in Version CS3. Was mich zu der Frage bringt, ob die fertig übersetzte deutsche Version eigentlich nicht mehr getestet wird? Gar von echten Anwendern und nicht nur von Usability-Experten. Zumindest wird die fertig übersetzte deutsche Fassung noch einmal dokumentiert - nämlich im Handbuch. Und darin findet der einigermaßen fassungslose Anwender dann auch den Unsinn wieder:

handbuch mit Ecken/Begrenzung

Ist ja auch viel einfacher, das 1:1 zu übernehmen als mal über Benutzbarkeit zu streiten.

Echte Anwender würden auch merken, dass die deutsche Übersetzung von „Grunge-Brush“ „Grunge-Pinsel“ heißt. Ja. Der Stil heißt nun mal „Grunge“ und nicht „Schmutz“ - um das herauszufinden, bräuchte man nur wikipedia zu konsultieren oder in einem beliebigen Grafikforum beide Begriffe durch die Suchfunktion zu schicken. Und sogar die Übersetzung von „Brush“ könnte man in Frage stellen. Ein „Pinsel“ hat Haare, digitale Pinsel dagegen werden in der Anwender-Szene häufig als Brushes bezeichnet.

Und warum heißt eigentlich das „Grime Vektorpaket“ auch „Schmutz“, wo doch bereits „Grunge“ so heißt?

Grime Grunge

Damit kommen wir zum „Hoheitlich Vektorpaket“ mit den dekorativen Kronen und allerlei Getier. Könige sind ja nun mal im Großteil des deutschsprachigen Raums spätestens seit den 1920er Jahren abgeschafft und in Deutschland zumindest außerhalb der Yellow Press. Staatliche Hoheitszeichen sollte man als Designer tunlichst nur dann verwenden, wenn man dazu berechtigt ist - ansonsten würde man sehr schnell die eigentliche Bedeutung von „Hoheitlich“ erfahren. „Wappen Vektorpaket“ wäre also eventuell treffender gewesen. Vor allem kann sich unter dem Begriff „Wappen“ selbst ein deutlich nach 1920 geborener Designer etwas vorstellen. Nachtrag: Beim Verwenden der Wappen-Elemente passen Sie auf die Schwarz-Definition auf.

Wappen

Abbildung: Bei einem Blick ins Wörterbuch muss man dann noch erfahren, dass die Übersetzung noch nicht einmal korrekt ist. Die ursprüngliche englische Bezeichnung „Regal“ müsste als „Hoheitsvoll“ oder „Königlich“, aber nicht als „Hoheitlich“ übersetzt werden.

Immer noch nicht korrekt übersetzt aber ist das „Glyph Spacing“. Und hier merkt man wirklich, dass die Übersetzung von gestalterischer Fachkompetenz gänzlich ungetrübt ist. Was, denkt Ihr eigentlich, könnte der Unterschied zwischen „Zeichenabstand“ und „Glyphenabstand“ sein, so dass man es zwei Mal unterschiedlich eingeben müsste? Wäre es nicht viel sinnvoller, die „Glyphenskalierung“ als das zu bezeichnen, was sie ist, anstatt den Nutzer mit eben dieser Frage zum Handbuch zu schicken?
An dieser Stelle könnte die deutsche Übersetzung sogar mal besser sein als das englische Original - wenn sie denn ein Fachlektorat hätte.

Glyphenabstand

Nie hätte ich gedacht, dass ich selbst mal jemandem „entgegen pfeffern“ möchte: „Form follows function“!
Aber das trifft es eigentlich am besten, was ich den (mir persönlich unbekannten) Illustrator-Übersetzern sagen möchte. Was immer Ihr über die englische Sprache und die treffende Schönheit der deutschen Begrifflichkeit diskutieren wollt, behaltet es für Euch oder besprecht es auf Euren Kongressen und denkt bei Eurer Arbeit ganz einfach an diejenigen, die das Produkt benutzen sollen.

Und hier noch die beliebte Serie der längsten Tooltipps der Geschichte. Den diesjährigen finden wir im Pathfinder-Bedienfeld:

Pathfinder

Nachtrag

Auf diesen Fehler hier hat mich gerade Kollege Karl Bihlmeier hingewiesen.

Pfadansicht

Das ist die Pfadansicht (und so sah das noch in Version CS3 aus). Dem erfahrenen Anwender so vertraut, dass er den Quatsch, der jetzt in der Titelzeile steht, wahrscheinlich nicht mal bemerkt. Dort hinein hat man den Begriff „Kontur aufteilen“ fabriziert. Was immer das auch soll. Einmal zum Mitschreiben: Kontur aufteilen ist eine Pathfinder-Funktion. Aber als Verwirrung für unerfahrene Anwender taugt der Begriff natürlich viel besser.

Gleiches sollte man gleich benennen. Aber wahrscheinlich waren einfach zu viele Ähnlichkeiten in den beiden Optionsdialogboxen für den Aufrauen und den Zickzack-Effekt, so dass man gerne einige Abweichungen hineinbringen wollte. Vielleicht damit die Anwender beide Dialogboxen besser unterscheiden können. Na Dankeschön.

Aufrauen- und Zickzackeffekt (umgewandelt)Dialogboxen Zickzack und Aufrauen

Abbildung: In beiden Fällen entscheidet die Option „Punkt“ darüber, ob Eck- oder Kurvenpunkte (Übergangspunkte) entstehen.

Wenn man übrigens bedenkt, welche Intention hinter den ursprünglichen (englischen) Bezeichnungen mancher Werkzeuge steckt, dann muss man sich die Frage stellen, wie sinnvoll es eigentlich ist, diese unbedingt wortwörtlich übersetzen zu wollen. Mordy Golding schreibt in einem Post in Real World Illustrator darüber, wie er (damals noch als Produktmanager bei Adobe) mit einem Kollegen bei einer Runde Golf die Namen für die Symbol-Werkzeuge gefunden hat:

It was on the golf course one morning (we used to play a quick 9 before coming into the office) that Ted Alspach and I joked about how much fun it might be to name all the Symbolism tools with words that started with the letter "s". By that afternoon, we had them all named: Sprayer, Shifter, Scruncher, Sizer, Spinner, Stainer, Screener, and Styler. Yeah, we got A LOT of work done that day.

Dies im Hinterkopf, wäre wohl zu überlegen, ob eine deutsche Übersetzung nicht wesentlich freier ausfallen und vor allem den Nutzer in den Mittelpunkt stellen könnte. Aber während ich das hier schreibe, ahne ich schon, dass wir in der nächsten Version eine Umbenennung dieser Werkzeuge zu fürchten haben, damit sie in der deutschen Übersetzung (der ursprünglichen Intention folgend) ebenfalls alle mit S anfangen.

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